Interview in THE TEMPEST

Ende November stellte ich mich den Fragen für die Dezember-Ausgabe des THE TEMPEST – dem versierten und engagierten Newsletter rund ums Schreiben und Publizieren des www.autorenforum.de.
Befragt haben mich die Mitherausgeber Ramona und Thomas Roth-Berghofer höchstselbst, die im Duett unter dem Pseudonym Alex Thomas dieses Jahr den rasanten Thriller LUX DOMINI bei Blanvalet vorgelegt haben, dessen Fortsetzung ENGELSPAKT Mitte 2012 erscheinen wird.

Das Abonnement des THE TEMPEST ist kostenlos. Der Newsletter wird am 20sten eines jeden Monats in zwei Teilen an die Abonauten verschickt und später im www.autorenforum.de online gestellt.

Es ist mir eine Freude, das komplette Interview auch hier schon servieren zu dürfen:

„Um den Inhalt zu spiegeln,
suche ich mir eine Romanszene oder ein Sinnbild aus“
Interview mit Timo Kümmel

Timo Kümmel ist freiberuflicher Illustrator mit zahlreichen
Veröffentlichungen im In- und Ausland. Ihm verdanken Thriller wie
„Alles bleibt anders“ (Siegfried Langer, Atlantis Verlag) oder „Die
Bruderschaft des Schwertes“ (Christoph Lode, Goldmann Verlag) ihr
Gesicht. In diesem Jahr wurde ihm für seine künstlerische Arbeit der
Kurd-Laßwitz-Preis für das beste Titelbild im Bereich der
deutschsprachigen Sciencefiction verliehen. Fasziniert, wie wir von
illustrativen Talenten wie Timo Kümmel sind, haben wir ihn um ein
Interview gebeten.

Ramona und Thomas Roth-Berghofer: Lieber Timo Kümmel, wir haben Ihre
Buchcover-Galerie schon etliche Male besucht und sind jedes Mal aufs
Neue fasziniert. Welche Überlegungen spielen für Sie beim Entwickeln
eines Covers eine entscheidende Rolle?

Timo Kümmel: Bei meiner direkten Zusammenarbeit mit den Verlagen ist
es sehr selten der Fall, kommt aber schon mal vor, dass mir direkte
Vorgaben gemacht werden, was als Motiv (also bspw. auch die
Farbgebung) gewünscht wird. Für gewöhnlich habe ich aber völlig freie
Hand, und da steht für mich natürlich der inhaltliche Bezug zum Roman
an oberster Stelle. Idealerweise suche ich mir eine Romanszene oder
ein Sinnbild aus, um den Inhalt zu spiegeln. Von vornherein versuche
ich auch die Typografie mit einzubeziehen, ihr den nötigen Platz zu
bieten, damit sie sich harmonisch ins Bild einfügt. Da ich für einige
Verlage die Umschlaggestaltung gleich mit besorge, ist das ein
fließender und spannender Prozess.

RRB/TRB: Wie kommen Sie auf die Ideen für Ihre Illustrationen? Wie
entwickelt sich eine Buchcover-Idee in Ihrem Kopf, auf dem Papier und
am Computer?

TK: Die engagierten Kleinverlage bieten mir meist die Möglichkeit,
ebenso beherzt an Buchprojekte heranzugehen. Mittlerweile schaffe ich
leider nicht mehr alles, aber im Idealfall lese ich jedes Manuskript,
bevor ich auch nur einen Covervorschlag formuliere.

Wird folglich kein direkter Gestaltungswunsch an mich herangetragen,
entscheide ich mich selbst nach der Lektüre für ein Bild, das mir am
eindrücklichsten erscheint, und versuche, es den Verlegern und Autoren
schmackhaft zu machen.

Dabei bin ich jemand, der lieber erst mal für sich in seinem stillen
Kämmerlein werkelt und die anderen vor vollendete Tatsachen stellt.
Einen Reigen an Entwürfen zur Auswahl zu stellen oder halbfertige
Bilder vorzulegen, das war noch nie meines. Lieber füge ich im
Anschluss Korrekturwünsche ein oder erarbeite ein völlig neues Bild,
wenn es abgelehnt wird.

Ich habe durch die Lektüre folglich ein fixes Bild vor Augen und suche
mir dann meine Referenzmaterialien zusammen. In der Regel 30 bis 100
eigene Fotos, aus deren Schnipseln ich mir am Computer eine Collage
zusammenfriemele, bis mein Grundgerüst steht. Danach beginnt die
eigentlich Arbeit, aus dem Schnipsel-Chaos einen stimmungsvollen Guss
zu formen. Hierfür male ich mit meinem Grafiktablett über die Collage
bis hin zum fertigen Bild.

Schlussendlich folgt die Typografie und zumeist einige
Korrekturwünsche von Seiten des Verlages, der Autoren und Betaseher.

RRB/TRB: Wie lange arbeiten Sie im Durchschnitt an einem Cover?

TK: Das kann sehr stark variieren, je nach Motivaufwand. Üblicherweise
brauche ich ein bis zwei Wochen, es kann aber auch schon mal schneller
gehen oder länger dauern. Grundsätzlich konnte ich über die letzten
zwei Jahre mein Tempo deutlich steigern.

RRB/TRB: Wie umfangreich ist bei der Gestaltung die Zusammenarbeit mit
dem Verlag oder dem Autor?

TK: Das hängt bei einem Direktauftrag vom jeweiligen Verlag und Autor
ab. Manchmal bekomme ich auch keine Einsicht in die Manuskripte oder
nur kleine Textauszüge und / oder direkte Gestaltungsanweisungen. Darf
ich das Manuskript vorab lesen, ist es mir auch wichtig, den Autoren
ein Feedback zu geben, sie nach ihren Wünschen zu fragen und nach
getaner Arbeit in die Korrekturrunde mit den Verlegern mit
einzubeziehen. Im Idealfall gibt es also drei Parteien, die mit dem
Ergebnis glücklich sind und darauf Einfluss nehmen konnten.

Verkauft meine Agentur ein Bild, liegt alle weitere Gestaltung in
Händen des Verlages, davon erfahre ich in der Regel auch erst wenige
Wochen oder Monate vorm Druck etwas und habe keinerlei Einfluss.

RRB/TRB: Wie kamen Sie zum Illustrieren beziehungsweise Grafikdesign?
Gab es ein bestimmtes Schlüsselerlebnis? Haben Sie Vorbilder?

TK: Von Kindesbeinen an lag mir die Malerei in den Händen, aber
tatsächlich war ich als Teenager vor meinen ersten grafischen
Gehversuchen im Fandom primär als Autor aktiv. Doch Grafiker wie
Fabian Fröhlich, CARYAD, Michael Marrak und Oliver Ferreira, die mit
ihren großartigen Tuschezeichnungen manche Fanzines zu wahren
Kleinoden erhoben, übten einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus.

Mit der Begeisterung des Betrachters war es für mich nur eine logische
Konsequenz, den Stift selbst in die Hand zu nehmen. Seitdem, also
circa seit Mitte der 90er, versuche ich mich als Illustrator. Vorerst
nur in Tusche, später in Öl und seit über einem halben Jahrzehnt mit
dem Computer.

RRB/TRB: Wir wir gesehen haben, haben Sie vor Ihrem Studium der Freien
Malerei und Grafik eine Ausbildung zum Holzbildhauer gemacht. Hat
diese erste Ausbildung einen Einfluss auf Ihre grafische Arbeit?

TK: Tatsächlich entschied ich mich damals aus rein pragmatischen
Gründen für die Holzbildhauer-Ausbildung. Ich fühlte mich nach der
Fachoberschule Gestaltung noch nicht reif für ein Kunststudium.
Plastisches Gestalten liegt mir durchaus nahe, aber Holz wäre nicht
mein bevorzugtes Material …

Die Ausbildung war ein sehr interessanter und ein intensiver
Lebensabschnitt, und ich möchte sie auf keinen Fall missen. Sicherlich
wurde dadurch auch mein räumliches Denken geschult und findet
Niederschlag in meinen Arbeiten.

RRB/TRB: Wie erlernt man als Illustrator den Umgang mit verschiedenen
Medien wie Computer, Bleistift oder Öl? Ganz zu schweigen von den
Techniken Stimmung, Farbgebung, Portrait, Kontraste oder Proportionen?
Ist man da mehr Autodidakt – wie es viele Autoren sind -, oder
studiert man all das an der Hochschule?

TK: Trotz meiner langen „Lehre“ würde ich mich in erster Linie als
Autodidakt bezeichnen. Natürlich nimmt man in den Schulen viel mit,
vor allen Dingen die reine Praxis- und Erfahrungszeit, aber nicht jede
Schule bietet die ausreichenden Ressourcen, um sich spezielle
Techniken zu erarbeiten. Wenn man darauf hofft, sollte man sich vorher
bis ins Detail schlau machen und Einrichtungen suchen, die genau das
auf dem aktuellen Entwicklungsstand vermitteln können.

Was ich am Computer verbreche, habe ich mir alles selbst beigebracht.

RRB/TRB: Wie sieht Ihr Grafiker-Alltag aus? Wie dürfen wir uns Ihre
Künstlerwerkstatt vorstellen?

TK: Früher ordnete sich mein kompletter Lebensraum der Malerei unter.
Selbst parallel zum Kunststudium und den fast jederzeit offenen
Ateliers hatte ich noch eine zweite Staffelei und alle nötigen
Malmittel daheim stehen. Meine Wohnungen waren immer mehr (heillos
chaotischer) Arbeits- denn Wohnraum. Zu meinen „schlimmsten“ Zeiten,
als ich mich für das Kunststudium vorbereitete, hatte ich in Flur,
Bad, Küche, Schlaf- und Wohnzimmer alles voll trocknender Ölbilder
stehen. Da blieb nur ein schmaler Trampelpfad, um von A nach B zu
kommen … Die nach Terpentin und Farbe riechende Luft konnte man
schneiden.

Heutzutage sieht das ganz anders aus. Da sind nur mein Schreibtisch,
der Computer, mein Grafiktablett und ich. Meine Lungen und das
Lebensgefühl im Allgemeinen danken es mir, aber die leidenschaftliche
Künstlerseele trauert diesem Katastrophenalarm schon mal wehmütig
hinterher.

Feste Arbeitszeiten habe ich nicht, mal bin ich schon um 7 oder 8 Uhr
morgens diszipliniert dabei, mal komme ich erst nachmittags in die
Gänge, bin dann aber noch bis 4 Uhr morgens zugange. Ich sehe einfach
zu, dass ich am Ende der Woche mindestens 45 Stunden gearbeitet habe,
dann bin ich zufrieden.

RRB/TRB: Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Grafiker aus?

TK: Beobachtungsgabe, ein individuell ästhetisches Auge und –
zumindest gelegentlich – ausgefallene Bildthemen.

Ich denke, bei allen Kreativen, ob nun Grafikern, Autoren oder
Sängern, muss unterm Strich nicht immer die Technik ausschlaggebend
sein, viel mehr Tragkraft hat ein gewisser – nicht unbedingt näher zu
erklärender – Zauber, der sich über die individuelle Sichtweise und
Handschrift transportiert. Hier klärt sich, ob man sein Publikum
findet und wie groß es sein wird.

RRB/TRB: Arbeiten Sie auch an anderen illustrativen Themen wie Comics,
Werbeplakate oder Mode? Welche anderen Themen könnten Sie reizen?

TK: Ich bin tatsächlich sehr auf Bücher fixiert … Vorstellen kann ich
mir alles Mögliche, aber von mir aus würde ich den Stein vermutlich
nicht ins Rollen bringen, da müsste man mich schon drauf ansprechen.

Grundsätzlich lasse ich mich gerne für jeglichen Unfug begeistern.

RRB/TRB: Hätten Sie noch einen besonderen Rat für angehende Grafiker
und Grafikerinnen?

TK: Ich würde mich selbst nach wie vor als angehenden Grafiker
bezeichnen, der nach einem gewitzten MacGyver für die turmhohen
Treppenstufen Ausschau hält … Anderen zu raten wäre vermessen.

Es ist leider kein lilalaune Ponyhof, dessen sollte man sich bewusst
sein. Da lockt weder ein simples Leben noch Geld. Um auch nur die
ersten Hindernisse zu meistern, sollte man es wirklich von Herzen
wollen und sich berufen fühlen!

RRB/TRB: Herzlichen Dank für das Interview!

TK: Ich habe zu danken! Und einen lieben Gruß an die Leser!

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Über Timo Kümmel

Ich bin freiberuflicher Illustrator und durfte bislang zahlreiche Veröffentlichungen im In- und Ausland verzeichnen. Mein Spektrum reicht von allen Spielarten der Phantastik bis hin zu Spannungsthemen und Kinder-/Jugendbüchern. Ich wurde bereits mehrfach für den Deutschen Phantastik Preis als bester Grafiker nominiert, ferner für den Vincent-Preis und den Kurd-Laßwitz-Preis, den ich 2011 und 2015 gewinnen konnte. Für Anfragen stehe ich jederzeit gerne zur Verfügung!
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Eine Antwort zu Interview in THE TEMPEST

  1. Pingback: Zum zweiten Mal: THE TEMPEST und ORBITALE VISIONEN | Timo Kümmel

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